Wie weiter?

Gedanken über die Welt und mich

Wettkampf Total

Ein Kommentar

Sportliche Grossanlässe bewegen die Welt. Weltmeisterschaften, Olympiaden, Weltranglisten usw. gewinnen die ungeteilte Aufmerksamkeit zahlreicher Menschen aus allen Bevölkerungsschichten. Es gilt als allgemein anerkannt, dass der Hang, sich im Wettbewerb mit Anderen zu messen, herauszufinden, wer stärker, schneller, besser ist, in der Natur des Menschen liegt. Mir persönlich scheint diese Veranlagung weitgehend zu fehlen. So fehlt mir einerseits das Bedürfnis herauszufinden ob ich in irgend einer Form „besser“ bin als Andere und andererseits interessiere ich mich auch nicht besonders für die Wettkämpfe Anderer. Ich interessiere mich mehr für kreative und kooperative Prozesse in denen Menschen etwas gemeinsam erschaffen. Ich frage mich daher, ob es sich bei der Wettkampf- Begeisterung der meisten Menschen wirklich um ein Naturgesetz handelt. In diesem Fall wäre ich nicht ganz normal, womit ich dann eben leben müsste. Allerdings vermute ich vielmehr, dass es sich bei diesem tief verwurzelten Konkurrenzprinzip um ein gesellschaftliches Paradigma handelt, das erst im Lauf der jüngeren Zivilisations- Geschichte entstanden ist.

Ein Blick auf die Geschichte des Sports zeigt, dass das Leistungs-, Konkurrenz- und Rekordprinzip des modernden Wettkampfsports erst im 18. und 19. Jahrhundert, zuerst in England entstanden ist und sich erst danach über den Rest der Welt verbreitete. Folgendes Zitat soll zeigen, welches Befremden, die englische Sportbegeisterung  ursprünglich auf dem Festland auslöste:

„[…] Männer, die von England kamen, wußten den staunenden Freunden zu erzählen, dass die Leute über dem Kanal, so vernünftig sie sonst auch seien, doch recht kindlichen Vergnügungen huldigen. So unterhalten sich junge Leute, einen Lederball auf einer Wiese herumzustoßen, andere wieder schlügen mit einer Art Praker [Teppichklopfer] den Ball über ein Netz u.s.w., und dieser Wahnsinn locke Zuschauer in jeder Menge herbei. Darunter gäbe es Leute in Amt und Würden – die es manchmal sogar nicht verschmähen, selbst mitzutun.“

Michelangelo von Zois: Das Training des Rennfahrers, Berlin ca. 1908, S. 7

Ebenfalls im 18. und 19. Jahrhundert entstanden ausgehend von England streng leistungs- und konkurrenzorientierte  Industrieimperien. Konkurrenz, Wettbewerb, Leistung usw. wurden, basierend auf Werken von Thomas Hobbes, Adam Smith und Charles Darwin, zu allgemein anerkannten und nicht mehr hinterfragten Naturgesetzen erhoben. Es ist sicher kein Zufall, dass das sportliche Leistungs-, Konkurrenz- und Rekordprinzip zur gleichen Zeit ebenfalls in England entstand. Konkurrenz, Wettbewerb und Leistungssteigerung wurde immer mehr als ein alle Lebensbereiche durchdringendes und nicht diskutierbares Naturprinzip etabliert. Wer nicht immer mehr leistet und zwangsläufig auch mehr konsumiert geht unter (Survival of the Fittest). Die Folge sind Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme, die nur funktionieren, wenn sie beständig wachsen. Das menschliche Dasein wird reduziert auf Arbeit und Konsum. Die Spielräume für freies Handeln werden sowohl im privaten als auch im öffentlichen Leben weitgehend durch wirtschaftliche Sachzwänge eingeengt. Die Gesellschaft degeneriert zu einer Unterfunktion des Wirtschaftssystems. Der System immanente Zwang zum Wachstum zerstört mit wachsender Geschwindigkeit die Welt in der wir leben…

Es ist höchste Zeit, das allgemein anerkannte Leistungs- und Konkurrenz- Paradigma sowie den sich daraus zwangsläufig ergebenden Wachstumszwang grundsätzlich in Frage zu stellen und nach Alternativen zu suchen!

Ein Kommentar zu “Wettkampf Total

  1. Pingback: Gesellschaftliche Paradigmen – eine Zwischenbilanz | Wie weiter?

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